Deidesheim-Kolumne
Herbert Giessen ist ein Winzer aus Deidesheim, der u. a. für seine Weinproben bekannt ist. Vor allem für seine "Historische Weinprobe" und seine "Historische Sektprobe", die er an den Samstagen im September und Oktober oder auf Anfrage für Gruppen ab 10 Personen durchführt.
Hier erscheint in unregelmäßigen Abständen seine Kolumne mit (wein-)geschichtlichen Anmerkungen.
Heute zum Thema:
"Rebschnitt zum Ersten"
"Wenn im Winter der Bauer hinter'm Ofen sitzt, der Winzer längst im Wingert schwitzt." Dieser alte Vers ist nicht nur ziemlich schwach sondern hat früher und heute erst recht nicht gestimmt.
In einem trifft er allerdings zu; in der Tat hat der Winzer zu jeder Jahreszeit draußen zu tun. Und sogar im Winter kann er dabei ins Schwitzen kommen – nämlich beim Schneiden der Rebstöcke. Das ist die langwierigste, härteste und am wenigsten mechanisierte Tätigkeit im Weinberg. Sie beansprucht den Weinbauern in den Monaten Dezember bis März, manchmal sogar von November bis April. Bis vor dreißig Jahren konnte man diese Arbeit nur mit Handscheren durchführen, die in kleineren Betrieben und bei Nebenerwerbswinzern auch heute noch ausschließlich zum Einsatz kommen. Bei Handarbeit ist es seither geblieben, aber eine kräftesparende Unterstützung brachten zunächst pneumatische Scheren, bei denen ein mobiler benzinmotorbetriebener Kompressor über max. 300 m lange Luftschläuche Energie auf eine oder mehrere Scheren überträgt. Aktueller Stand der Technik sind Elektroscheren denen ein Akku die Kraft liefert. Hocheffektiv sind zwar Rebschneidemaschinen, die ein Traktor antreibt, aber sie sind entweder nur alle zwei Jahre anwendbar oder nur für einen vergleichsweise groben Vorschnitt. Für den Qualitätsweinbau in der Urlaubsregion Deidesheim haben sie sich bis jetzt noch nicht durchgesetzt.
So steht also in der kalten Jahreszeit bei fast jedem Wetter der Winzer im Weinberg und kommuniziert per Schere mit seinen Rebstöcken. Denn die Rebenschere ist ein Instrument, mit dessen Hilfe eine Unterhaltung mit der Rebe durchgeführt werden kann. Ich teile dabei meine Wünsche und Vorstellungen für die Formgebung, das Wachstum und die nächste Ernte mit. Im Verlauf der kommenden Vegetationsperiode antwortet sie und gibt mir dann natürlich die Gelegenheit mit jeweils aktuellen Pflegemaßnahmen, die zu späterer Gelegenheit erörtert werden, zu reagieren. Die im wörtlichen Sinn "einschneidendste" Maßnahme ist jedoch der Winterschnitt. Ihn durchzuführen bedarf es der Kombination von Wissen, Erfahrung und Fantasie. Am einfachsten zu erklären ist sicherlich der Einfluss der Zahl der angeschnittenen Augen (Knospen), die nach der Bodenfläche des Weinbergs berechnet wird. Kurz gesagt, man zählt Augen je Quadratmeter. Natürlich muss hierbei jeder Rebstock individuell berücksichtigt werden, aber selbstverständlich kommt es dabei auch auf die Rebsorte, das Alter des Weinbergs, die Bodenfruchtbarkeit und den Qualitätsanspruch des Weinbaubetriebs an. Am Beispiel eines zehnjährigen Rieslings würde das heißen: Drei bis sechs Augen je Quadratmeter bedeuten niedrige Ernteerwartung und einen hohen Qualitätsanspruch, 12 bis 15 Augen bedeuten hohen Ertrag, aber auf Dauer Überforderung der Rebe mit der Folge deren vorzeitiger Alterung. Es kommt allerdings vor, dass vorläufig zu viele Augen angeschnitten werden, was später korrigiert wird, wenn befürchtete Frostschäden hoffentlich ausgeblieben sind.
Das hier ist natürlich nur ein Anriss unserer vielfältigen Winterarbeit. Sie wissen jetzt, dass die Aktivität im Weinberg nie aufhört. Deshalb sind auch in der kalten Jahreszeit Führungen und Spaziergänge durch unsere Kulturlandschaft möglich und haben sogar ihren eigenen Reiz. Danach schmeck der Glühwein doch doppelt so gut!








