Die Feige und die Deidesheimer Feigengasse

Wer aus kälteren Zonen in dieses klimatisch gesegnete Land der Pfalz kommt
ist höchst erstaunt, dass er an geschützten Hauswänden in vielen Straßen
unserer Städte und Dörfer essbare Feigen findet. Besonders berühmt ist die
Feigengasse in Deidesheim, die 1908 von Dr. Bassermann in seiner Zeit als
Bürgermeister angelegt wurde. Die Feigen brachte er aus einem Urlaub in der
Toskana mit. 1972/73 pflanzte Gärtnermeister Gößlin im Auftrag der Stadt am
Leinhöhlenweg Feigen im Wechsel mit Bittermandeln an.
Die Feige ist mit seinen großen, 3-5 lappigen, tief ausgebuchteten Blättern
ein interessanter und eigenwillig wachsender Strauch. Die sommergrünen,
dunkelgrünen Blätter sind unterseits weichhaarig.
Ungewöhnlich ist vor allem die Befruchtung. Sie war schon den Phöniziern
und Ägypter bekannt und regte die Neugierde von Herodot an. Die Blüten sind
äußerlich nicht zu erkennen, denn sie sitzen auf der Innenseite eines
umgestülpten, hohlen Kelchbechers. Die Wildform hat weibliche Blüten oder
Staubbeutel mit so genannten Gallblüten, deren Samenanlage verkümmert ist.
Die Befruchtung erfolgt durch die Gallwespe, einem ca. 1 mm großen Insekt.
Die Gallwespe vermag mit ihrer kurzen Legröhre ihr Ei nur in die
kurzgrifflige Gallblüte zu legen, deren Fruchtknoten darauf hin anschwillt
und die Entwicklung der Gallwespe sichert. Beim Verlassen des Kelchbechers
nimmt die Gallwespe Blütenstaub der männlichen Blüten mit und befruchtet
die echten weiblichen Blüten. So entstehen einmal samentragende, essbar
Feigen oder aus den Gallblüten die so genannten Ziegen- oder Holzfeigen.
Durch gekreuzte Befruchtung ergeben sich drei Ernten im Jahr: Die
Vorsommer-, Sommer- und Winterfeigen. Die neueren Zuchtsorten tragen auch
ohne den komplizierten Vorgang der “Caprification" essbare Früchte. Diese
jungfernbürtigen Fruchtfeigen haben keinen Samen. Sie sind zuerst grün,
dann schwarzviolett. Ihr Fleisch ist saftig süß und von feinem Aroma.
Frisch schmecken sie köstlich oder auch als Beigabe zu diversen Speisen.
Aus dem Mittelmeerraum kennen wir sie auch getrocknet.

Die Pflanze wird bei uns ein 4-6 m hoher Strauch. Die Feige gedeiht noch
auf warmen, kargen Sandböden. Sie kann große Trockenheit im Sommer gut
überstehen. Man sollte sie an einen warmen, geschützten Standort vor Mauern
oder in einem Innenhof pflanzen. In kalten Wintern ist sie für einen
leichten Winterschutz dankbar. Friert sie zurück, treibt sie häufig
nochmals aus den Wurzelsprossen aus. Hier braucht man allerdings große
Geduld.

Die ursprüngliche Heimat von Ficus carica ist Kleinasien und das östliche
Mittelmeergebiet. Von dort brachten sie die Griechen nach Italien. Heute wird sie im gesamten Mittelmeerraum von den Kanaren bis Syrien kultiviert. Auch auf der Alpensüdseite hat sie sich eingebürgert. Die Römer brachten sie mit dem Wein und der Esskastanie in unser Land. Im “Capitulare de Villis" Kaiser Karls des Großen wird die Feige mitaufgeführt und deren Anpflanzung empfohlen. Auch die Heilige Hildegard von Bingen zählte die Feige in ihrer “Physica" zu den bedingt guten Nahrungsmitteln. Wolfram von Eschenbach berichtet im “Parzival", dass in den Burggärten “Vigenboum, granat, öle, vin und andere Art des wuchs" gezogen wurden. Wir können annehmen, dass in der Pfalz die Feige ab 1000 n.Chr. vielerorts eingebürgert ist.