Ein Rundgang mit dem Turmschreiber
Unterwegs mit dem Turmschreiber.....
- Turmschreiberturm im Schlosspark
Nehmen wir an, du kommst mit dem Zug. Auf dem kleinen Bahnhof steht in schöner alter Schrift „Deidesheim“. Jetzt jedenfalls bist du in der Vorderpfalz. Nun führt dich die Straße in wenigen Schritten ins Herz von Deidesheim. Auf der linken Seite ein schöner Brunnen: modern und heiter. Es ist der Geißbockbrunnen. Was es auf sich hat mit dem Deidesheimer Geißbock (das heißt: eigentlich ist er gar nicht von Deidesheim) - das ist eine ganze Geschichte, in der sogar Napoleon seine Rolle spielt. Ein wenig weiter, wiederum links, triffst du auf einen auffallend schönen Steinbau mit hohen Fenstern: Es ist die ehemalige Synagoge, die die unglückseligen Jahre überstand, weil sie schon 1936 verkauft wurde. Rechts gegenüber liegt hinter hohen alten Bäumen das frühere Schloss. Einst, als es noch ein Schloss war, diente es den Fürstbischöfen zu Speyer als Sommerresidenz. Vor ihm, über dem längst wasserlosen und abwechslungsreich bewachsenen Graben, ist der schönste Wirtshausgarten, den ich kenne, abends jedenfalls oder in früher Sommernacht. Dann, wieder rechts, stößt du auf eine kleine Brücke, die etwas weiter oben über den leeren Graben führt. Von ihr aus geht eine Treppe in den Graben hinunter.
Dort nun steht in der Ecke rechts - es ist ein vollendetes Idyll - der Turm des Turmschreibers von Deidesheim. Stündest du mit dem Turmschreiber oben am Fenster des Turms (hoch ist er keineswegs), hättest du einen begrenzten, aber überaus schönen Blick auf Büsche und Bäume, die alten Mauern der Stadt und die kleine Brücke.
Wir gehen jetzt zu der Brücke zurück, gehen die Treppe wieder hinauf und dann von hier aus nach rechts. Und nun stehst du bereits, nach einigen Schritten, in der Mitte der Stadt. Also das Zentrum des Städtchens: die Kirche Sankt Ulrich, die gegenüber, mit der schönen Madonna auf dem Sims, die eigentlich nicht hierher gehört, aber sich dennoch gut ausmacht, dann der „Deidesheimer Hof“, den ich nicht zu empfehlen brauche (er empfiehlt sich selbst). Vor ihm steht oder fließt ein wunderhübscher Brunnen italienischen Stils: ein kleines Meisterwerk, beinahe verdeckt von den wehenden Fahnen vor dem Gasthof. Prachtvoll sodann ist das alte Rathaus, das ein wenig weiter links, völlig unübersehbar, steht: zwei schöne Treppen, von beiden Seiten herkommend und in der Mitte zu einem kleinen Türmchen hin aufeinander zulaufen, das den Dachrand knapp überragt.
Was musst du noch sehen? Das alte Rathaus von innen mit dem schönen kleinen Saal, das Museum für Weinkultur, auch im Rathaus, das so genannte „Spital“ aus dem 15. Jahrhundert, ein wahrhaft schmucker Komplex, dann, etwas ganz anderes, aber Faszinierendes: das Museum für Film- und Fototechnik; schließlich, am nördlichen Rand der Stadt, ein schon etwas verwitterter, aber eindrucksvoller und bewegender Bildstock, eine Kreuzigung aus dem Jahr 1431; es ist der Bildstock am „Grain“. Der „Grain“ ist auch eine Lage, eine Weinlage. Davon gibt es hier viele.
In einer besonders berühmten Lage, dem „Paradiesgarten“, steht zu Recht eine ebenso berühmte, ernst und wie abwesend blickende Eva aus Stein. Auch von ihr gibt es eine Geschichte … Aber dies alles ist noch lange nicht alles. Und versäume nicht den Wald, den Pfälzerwald!
Turmschreiber 1996/97
Hans-Martin Gauger






